Parallel zum Ausstellungswettbewerb hat sich bei der „Postgeschichte live“ seit geraumer Zeit eine Vortragsveranstaltung mit Topniveau etabliert. Hier wird das interessierte Publikum mit hochklassigen Präsentationen unterhalten, die in ihrer Qualität und Themenbreite nichts zu wünschen übriglassen.
In der jüngeren Vergangenheit haben sich dort internationale Spitzenphilatelisten wie beispielsweise Chris King und Alan Holyoake (beide GB), Patrick Maselis und James Van der Linden (beide B), Prof. Dr. Henrik Mouritsen (DK), Dr. Robert Abensur (F), Dénes Czirok (H), Turhan Turgut (TR) sowie Dr. Wolf Heß und Wolfgang Maaßen (beide D) „die Klinke in die Hand gegeben“, die allesamt die Roll of Distinguished Philatelists – also die weltweit höchste Auszeichnung für einen Philatelisten – unterzeichnet haben.
13.10 – 13.55 Uhr:
Ute Dorr, Renchen (D)
Der Orient-Express – er ist der ungekrönte König der Züge und zugleich ihr exotischster Vertreter, hat er doch Okzident und Orient eisenbahntechnisch endlich miteinander verbunden. Inspiriert durch Agatha Christies
legendären Roman „Mord im Orient-Express“ und dessen preisgekrönte Verfilmung durch Sidney Lumet im Jahr 1974, entstand diese Sammlung.
Um sich diesem Thema postgeschichtlich nähern zu können, musste ein neuer Ansatz gefunden werden. Der erste philatelistische Einstieg wurde gebildet durch die Orient-Express-Vignetten und entsprechende Stempel. Zusätzlich mussten die Fahrpläne im Archiv des Museums für Kommunikation in Frankfurt und Berlin gesichtet werden, um die Zuglaufvarianten (ZLV) des
Zuges zu bestimmen. Zu guter Letzt erfolgte ein genaues Studium der Postämter in Konstantinopel
zu der damaligen Zeit.
Lassen Sie sich ein, auf eine postgeschichtliche Reise mit dem Orient-
Express von Konstantinopel durch das Europa der damaligen Zeit und seine Metropolen. Sie
erfahren etwas über die Postämter in Konstantinopel und die verschiedenen Zuglaufvarianten
(ZLV) des Orient-Express, die Sie durch den Balkan über Rumänien und Bulgarien nach Budapest,
Wien nach Paris und darüber hinaus entführen.

Zuglaufvariante 1: Konstantinopel – Varna – Bukarest – Budapest – Wien –
Paris – London – Liverpool– New York – Beauclerc
14.05 – 14.50 Uhr:
Simon Richards, Wallingford (GB)
„British Sailing Packets from the West Indies“
The first English colonies in the West Indies were established in the 1620’s, at the time any correspondence was carried privately and the government saw no need to provide a more reliable service. In any event the subsequent decades were plagued by civil war. With the restoration of the Monarchy in 1660 came the establishment of an inland postal service open to the
public. The mail received date stamps from 1661 when it arrived in London and these are known on letters from the West Indies. However, it was the outbreak of War with France that Edward Dummer’s plan for a regular mail service adopted. The principle of private ships contracted to provide a regular service in exchange for an annual subsidy was adopted. The Dummer packets ran from 1702 to 1711 with a subsidy of £12,500 per annum which was not enough to maintain a monthly service with just four vessels. The first sailing returned with 1,500 letters. With a peace treaty imminent no attempt was made to restart a service. In 1707 Scotland joined with
England to form Great Britain, largely due to the economic impact on Scotland of the mini-ice age and a failed colony on the Darian Isthmus. European war broke out again in the 1740’s and a new service was announced in November 1745, the first packet this time returned with 20,000 letters, most of the few survivors (c. 20) bear marks of origin. Intended as a monthly service,
seven was the most sailings in any one year and the service stopped in early 1749 after 24 voyages, when peace was restored.

In 1755 the French took control of St Lucia and an alarmed British Government awarded a seven
year contract to provide a monthly service and from then the British Government continued to
subsidise a mail service until the twentieth century. In the early years Wars were frequent with
the seven years war from 1756-63, the American War of Independence from 1776-1783 and the
Napoleonic Wars from 1792-1815. The ability of Britian to maintain a year round naval presence
in the Caribbean theatre was a significant advantage and additional territory was generally added
during each war, sometimes permanently, and sometimes returned at the end of the war. Various
improvements took place, introducing schooners to carry the mail to and from smaller islands to
meet the packet and introducing a twice monthly service. From the 1780’s reliability improved.
15.00 – 15.45 Uhr:
Prof. Dr. Damian Läge, Luzern (CH)
„Der Mitarbeiter des Monats Oktober – Der 2 Millionen-Mark-Aufdruck im Portogefüge der deutschen Hochinflation“
Der Vortrag erzählt die Geschichte einer Marke, wie es sie nie zuvor und
nie danach wieder in der deutschen Postgeschichte gegeben hat. Mit
ihr konnte man alle wesentlichen Standardporti frankieren: Fernbrief,
Ortsbrief, Postkarte, Ortspostkarte, Drucksache (1. sowie 2. Gewichtsstufe),
Einschreibgebühr. Und zusätzlich war die Marke noch für 9 Tage die
Höchstnominale am Schalter, wurde also für alle teureren Sendungen
benötigt. Es handelt sich dabei um die Aufdruckmarke «2 Millionen». Ihr
Einsatz als Einzelfrankatur startete am 1. Oktober 1923 und endete am 31.
Oktober. Im Portogefüge war sie damit der eindeutige «Mitarbeiter des
Monats». Der Vortrag will die 5-wöchige Einsatzzeit dieser einzigartigen
Auf-/Überdruck-Marke auf eine unterhaltsame Weise erzählen. Dazu wird – in konsequenter
Umsetzung des Titels – die Analogie zur Berufswelt herangezogen: «Stellenausschreibung,
Vorstellungsgespräche, Chefsache, Im Mittleren Dienst, Nur noch die niederen Arbeiten,
Kündigung zum Ultimo, Altersteilzeit, Arbeitszeugnis» lautet die Abfolge der Kapitel. Damit soll
die gesamte Breite der postalischen Verwendung dieser Auf-/Überdruckmarken gezeigt werden.
Im September 1923 befindet sich die Reichspost in einer extremen Markennot. Kurzfristige,
massive Portoerhöhungen um den Gesamtfaktor 75 haben die alten Marken nutzlos gemacht,
und die Reichsdruckerei kann so schnell keine neuen Marken produzieren. Deshalb versieht sie
– zunächst als eine Notmaßnahme gedacht – die lagernden Restbestände unnützer Marken mit
Überdrucken. Dieses Verfahren bewährt sich, um innerhalb weniger Tage nach Bekanntgabe
der nächsten Portoerhöhung auch passende Marken an die Schalter bringen zu können. Um
zusätzliche Kapazitäten zu schaffen, werden die Überdruck-Platten samt alten Markenbögen auch
11 Oberpostdirektionen zur Verfügung gestellt, die ihrerseits Druckereien beauftragen. Für die 2
Millionen-Nominale werden die alten 300 Mark-Marken zu den sog. «OPD-Marken». Jedoch sind
die Altbestände bald erschöpft. Deswegen druckt die Reichsdruckerei von alten Markenplatten
Millionen von Bögen «auf Vorrat» und versieht diese dann mit der nun benötigten Nominale. So
entstehen Aufdrucke auf alten Platten der «Ziffern im Kreis» zu 200 Mk, 500 Mk und 5Tsd Mk. (Sie
machen >90% der verwendeten Menge aus, so dass der Begriff «Aufdruck» für den Titel gewählt
wurde). Hinzu treten Dienstmarken fürs Reich und für Württemberg. Frankaturen mit 2 Millionen
waren im Postalltag des Oktober 1923 Masse – und sie sind es heute in den Kisten der Sammler
und der Händler noch immer. Allerdings fallen ca. 98% der Einzel- und Mehrfachfrankaturen auf
nur 12 unterschiedliche Verwendungsformen. Der Vortrag zeigt diese Stücke an ihren relevanten
Erst- und Letzttagen, konzentriert sich jedoch auf die verbleibenden 2% des Bestandes. Die bieten – verteilt auf 4 Portoperioden – eine erstaunliche Vielfalt; inklusive allgemein in der gesamten
Inflationszeit sehr seltener und sehr begehrter Verwendungsformen wie: der einzig bekannte
Grenzrayon-Wertbrief der ganzen Inflationszeit, das einzige Sperrig-Paket der Hochinflation,
der einzige separiert frankierte Paketeilbote der ganzen Inflationszeit, das einzige gesehene
Sonntagspaket, der schwerste Luftpostbrief der Hochinflation und dergleichen mehr. Begleiten
Sie den «Mitarbeiter des Monats Oktober» durch sein spannendes Arbeitsleben!

Auslands-Wertbrief mit einer Versicherungssumme von 424 Millionen Mark (entsprechend 6 Goldfranken) und einem Gewicht von 122gr, am 6.10.23 von Lindau nach St. Gallen aufgegeben. Beide Städte liegen <30km voneinander entfernt, so dass für das Briefporto der Grenztarif zum Ansatz kam: 2 Millionen Mark Porto bis 20gr sowie jeweils die Hälfte davon (1 Mio) je weitere 20gr. Also 8 Millionen Mark Briefporto.
Hinzu kam gemäß UPU-Regeln die Einschreibgebühr von 2 Millionen Mark sowie die Auslands-Versicherungsgebühr. Eigentlich hätte die 50 Goldcentimen je 300 Fr betragen, was zum Tageskurs aber 32 Millionen Mark gewesen wären. In Deutschland unbezahlbar. Die Reichspost verlangte deswegen nur eine Gebühr in Höhe eines Auslandsbriefes (= 6 Mio Mark) für die 600-fache Versicherungssumme (also bis 3,6 Milliarden Mark). Aus der gesamten Hochinflation ist bislang kein zweiter Grenzrayon-Wertbrief bekannt.
15.55 – 16.10 Uhr:
Chris King, London (GB)
Kurze Einführung in ein allgemein anwendbares KI-/Digitalisierungsprojekt mit dem Ziel, in gotischer Schreibschrift verfasste Postdokumente für Postgeschichtsforscher und Philatelisten zugänglich zu machen
A brief introduction to an AI/digitisation project to make postal documents
written in gothic typescript available to postal historians and philatelic researchers.
Chris King RDP präsentiert eine kurze Einführung in ein allgemein
anwendbares KI-/Digitalisierungsprojekt mit dem Ziel, in gotischer Schrift
verfasste Postdokumente für Postgeschichtsforscher und Philatelisten
zugänglich zu machen. Die Präsentation erfolgt am Beispiel der
“Chronolologischen Sammlung der Verordnungen und Verfügungen für die
Herzogthümer Schleswig und Holstein1756-1868“, wobei die Anwendung
für jede Sammlung postalischer Dokumente in Frakturschrift und für
ähnliche Schrfiten genutzt werden kann..
16.10 – 16.30 Uhr:
Klaus Weis
Schlussdiskussion und Resümee